Daniel Door, Innere Hygiene, 2012

Es regnet seit Tagen leicht und beständig. Die Wolken werden rot, werden hell, werden grau, werden dunkler, werden rot; es kommt die Nacht und mit ihr ein tiefes, fernes Brummen.
Dazwischen stehe ich auf, mache mich fertig. Gehe zum Blumenladen, kaufe etwas am Gleiskiosk, warte auf die Bahn, werde mit den Anderen von ihr bewegt; fahre Aufzug, gehe meine Wege ab und tue meine Arbeit.


Ich vollziehe die Rituale, spaziere in der Stadt, starre etwas an, setze mich in die Bahn und lasse mich von ihr nach Hause bringen, lege mich hin; wache wieder auf. Ich bin ein Knoten.

Die Vögel am Wasser, die Fische im Himmel – wir bewegen uns im Schwarm; ich und die Anderen verlassen eine Haltestelle unter der Erde, wir wählen unsere Wege in stillem Abgleich miteinander, wir fließen.
Wir stoßen trotzdem zusammen, denn unvermittelt
- wirft jemand ein Bäckerpapier weg
- wendet sich zur Umgebungskarte
- wird vom Kind an der Hand weggezogen
- bugsiert einen riesigen Plasmafernseher im Karton
- oder geht am Stock
- muss sich erst einmal setzen
und unterbricht das eigene Bewegungsmuster.

Neben mir holt sich jemand eine Stimme aus der Teleebene ans Ohr; ich wandere weiter in mich hinein – der Schwarm hält uns auf dem Weg zur Schlange am Fuß einer Treppe, deren erste Stufe ihre oberste Stufe, deren letzte Stufe ihre Erste in der Schleife wird.
Vor mir tritt jemand auf das Metallfeld vor der Rolltreppe, es klonkt und gibt leicht nach. Ich steige hinterher auf eine neue Treppenstufe, die aus einer feinen Kammlinie zwischen den Treppeneinfassungen aus dem Boden wächst. Hinter mir kommt jemand über das Feld. Wir fahren.

Unsere Schritte auf Stein und Metall klingen von der Wandverschalung zu uns zurück, das Rauschen der Bahn in der Tunnelausfahrt betäubt mich, klassische Musik schlingert zu verschwommenen Durchsagen einer künstlich organisierten Frauenstimme, vom guturalen Gemurmel eines
Einheimischen ergänzt, aus den Megafonen an den Säulen.
Die Treppe klappert und schiebt mich nach oben; ich finde eine Ruhe auf ihr, die mir den verlorenen Traum der vergangenen Nacht wiederbringt.

Die Vögel erheben sich vom Ufer in den Flug, die Fische tauchen ins Meer ein, der Menschenschwarm verteilt sich zu den Straßenkreuzungen an der Oberfläche. Ich betrete den Lieferantenhof der Fabrikinsel über eine Brücke. Die Fabrik steht still. Im Kellergeschoss setze ich in der holzverkleideten Pausenküche Kaffee auf, stelle meine Utensilien aus der Besenkammer zusammen, verknote mein Haar, lege meine Mitbringsel in einem Eimer ab, fülle eine Thermoskanne und drücke einen Knopf in der Betonwand des Gangs.

Aus der Wand dringt ein Schleifen, die Flügeltür schiebt sich auf und ich ziehe mich in einen engen Raum; blicke in mein Spiegelbild und wende mich schnell ab.
Die Wände und der Boden und die Türflügel sind verschrammt von Blicken und Turnschuhgummiabrieb.
Vor mir waren andere hier, ich drücke einen Knopf in der Leiste, nach mir kommt heute niemand mehr.
Der Raum kann als Einziger in diesem Gebäudeabschnitt vom Kellergeschoss bis unter das Dach fahren; wo der Raum gerade nicht ist, bleibt ein dunkler Schacht zurück.

Vor einer Woche war mir die Arbeit zuwider und ich vertrieb mir die Zeit damit, im Aufzug auf und ab zu hüpfen. Die wachhabenden Hausgeister erklärten mir danach, ein Raum, der alle Stockwerke eines Gebäudes anfahren könne, sei eine empfindliche Einrichtung, die Hüpfer als gefährliche Abweichung des Funktionsablaufs einschätze und sicherheitshalber stehen bliebe, wo im Schacht sie auch sei.

Wenn die letzten Besucher aus der Ausstellung komplimentiert wurden und das ganze Personal nach und nach in den Feierabend getröpfelt ist, gehört das leere Gebäude den Hausgeistern auf Wache und ich bin die letzte Person in dieser Welt. Im Aufzug gibt es einen Knopf mit einer Glocke, drückt man den Knopf, wird man über die Teleebene mit den
Hausgeistern verbunden, die wiederum Kontakt zu Wesen aufnehmen, die den Schacht und den Aufzug kennen und daher für die Wartung und meine
Befreiung zuständig waren. Die räumliche Entfernung aller Wesen wird durch die Ebenen in nur einem Moment überbrückt, aber es gibt auf den Ebenen Hindernisse wie Abfragen der Erreichbarkeit und Zuständigkeit, zudem Verständnis-, sowie Orientierungsschwierigkeiten. Trotz vieler Knotenpunkte sind das die Engpässe des Netzwerks.
Es kann die Stunden langziehen. Ich war für mich und hatte den Eimer dabei.

Heute warte ich still ab, bis der Aufzug das Erdgeschoss erreicht. Die Blumen, den Süßkram, eine kleine Flasche Schnaps und die Thermoskanne bringe ich an der Pforte der Wache vorbei. Die Hausgeister geben kaum einen Mucks von sich, aber ich hoffe, sie freuen sich in sich drin und bleiben mir gewogen. Wir frischen unseren Kaffee mit drei Schluck vom Wodka auf und naschen schweigend. Tausende von Glühbirnen in der Außenbeleuchtung schalten sich ein, es scheint hell durch das Pfortenfenster; für die Hausgeister wird es Zeit für eine erste Runde über die Insel.

Ich beginne im Foyer der ehemaligen Fabrik. Dort steht ein geschwärzter Monolith mit einer Klappe; zieht man sie auf, gibt sie einen kleinen Schrein für eine Glühbirne frei. Auf dem Sockel steht
>> Diese Glühbirne spendet Licht und Wärme auf fünfzehn Zentimeter Entfernung. Die Sonne spendet Licht und wohlige Wärme aus hundertfünfzig Millionen Kilometern Entfernung. <<
Ich halte meine Hand in die Nähe der Glühbirne. Sie wirft ihr Licht um meine Hand herum in den dunklen Raum und ich spüre ihre Wärme.

Ich arbeite mich bis ins Dachgeschoss vor und bleibe am Fenster stehen: Die Straßen am Flussufer winden sich und verschwinden und die Gebäude sind wie kopiert, eine Straßenlaterne flackert, bis endlich ein paar Jugendliche gegen ihren Stamm treten und sie löschen. Über den Straßen und an den Ecken der Kreuzungen spannen sich Kabel. Verwandeln sich Orte in unsichtbare Orte, sobald da ein oder zwei Kabel rumhängen? Sie müssen nur dicker sein als Haushaltskabel und am besten dicht gehängt
wie schweres, duftendes Frauenhaar und eine Dringlichkeit in der Verkordelung haben. Oder ein Ort wird durch ein gelbes Schild verschleiert.

Wenn ich durch die Stadt zur Arbeit gehe oder nach Hause, hat manchmal jemand eine Bank oder ein Monument vor einem unsichtbaren Ort aufgestellt und man kann sich hinsetzen oder anlehnen und in die Unsichtbarkeit blicken; wenn man stillhält, bis die Ränder des Gesichtsfeldes milchig weiß werden und ins Blickzentrum einschleichen. Kurz vor dem Erblinden muss ich unbedingt blinzeln.

Durch ständiges Bewegtwerden
- über Maschinentreppen und Maschinenräume und Fahrbänder aus Gummi oder Platten
- über immer fremdartigere Wegleitungen und halbe Brücken, enge Passagen und unpassierbare Freiflächen
- durch immer wieder nur
- zum Teil zerstörte
- zum Teil erweiterte
- zum Teil eingefügte
Knotenpunkte zerlegt sich mit der Zeit jeder Raum, den ich betrete, von selbst.
Würde ich ihre Verbindungen nicht tagein tagaus schrubben, wüsste ich nicht mehr, wo ich bin.
Solange ich putze, finde ich mich zurecht, denn was ich putze, lerne ich kennen.

Inzwischen kann ich Netzwerkprobleme auch durch eine andere rituelle Handlung lösen; Knotenpunkten einen Kuss geben, die Ecken ausklatschen oder etwas zu Rauchen anzünden, um dem verstopften Knotenpunkt eine Weile seine Ruhe zu lassen. Blüten, Süßkram oder drei Schluck vom Wodka opfern. Es hilft.

In der Bahn nach Hause schaue ich gegen das Fenster in die Geisterbahn und durch das Fenster auf die Tunnelwand mit ihrer Verkabelung, bis der Tunnel in die Erde eintaucht und die Bahn auf der Brückenhaltestelle einfährt; weiter über Brachland und an Bahngutenachtgleisen und einer Grillhähnchenstation in der Einöde vorbei. Unter einer Verteilerbrücke winken zerraufte Kinder der Bahn, im Bauhof eins weiter winkt ein Alter aus dem Klappstuhl, ein Tonnenfeuer brennt, es war ein schöner Tag.
Die Sonne, von einem unsichtbaren Ort über den Wolken aus, spendete allen Knotenpunkten und ihren Verbindungen Licht und wohlige Wärme.