David Wohnlich, Die Raumpflegerin, 2012

Die ästhetische Genauigkeit in Anuk Miladinovićs Arbeiten verbietet den billigen Topos, jeder könne sie innerhalb der eigenen Erfahrungswelt auslegen, wie er wolle.

Vielleicht ist es das, was diese Werke so spannend macht – zwar liefern sie eine Vielzahl von möglichen Anknüpfungspunkten an unsere gewöhnliche Erfahrung und scheinen damit zunächst als mimetische Konstrukte verstehbar, erklärbar, rückführbar in vorkünstlerische Räume zu sein, denn sie sind ja gegenständlich.

Der Lift ist ein Lift, die Spiegelung eine Spiegelung, die Wandkachel eine Wandkachel. Seltsam ist nur, dass uns alle Deutungswege beim Betrachten in dem Maße zu langweilen beginnen, wie uns die Arbeiten zunehmend faszinieren; was wir “Interpretation” genannt hatten, verblasst vor dem reinen Genuss der Wirkung. Erst nun, indes wir merken, dass alle Deutungsmuster verblassen und dass wir die Werke als lediglich in sich selbst gültig anschauen wollen, merken wir, was uns beim Reden über sie Schwierigkeiten gemacht hat: Sie lassen sich nicht übertragen. Jacques Derrida hätte vor Freude gejubelt.

Selbstverständlich ist es jedem Betrachter unbenommen, seine eigene Erfahrungswelt in Anuk Miladinovićs Arbeiten hinein zu tragen; er hätte damit ungefähr soviel gewonnen, wie wenn er glaubte, er hätte Schuberts Musik verstanden, nur weil er ihre harmonischen Modulationen analysieren konnte.

Die Wandkacheln, die Waffen und Munition zur Dekoration wandeln (recurrence #1), ließen sich sehr leicht entziffern; keine Analyse aber könnte alles umfassen, was uns an ihnen berührt. Das macht sie so wertvoll – sie sind nichts anderes als die Millionen von Wandkacheln, die uns in Lissabon so herrlich bedeutungslos erfreuen. Dennoch sprechen sie zu uns, etwa so wie Christian Morgensterns Tapetenblume: “Und folgst du mir per Rösselsprung, wirst du verrückt, mein Liebchen”. Selbstverständlich kann man in diese Kacheln jede Menge Antikriegsrhetorik hineinlesen (und das wäre ja bestimmt auch nicht falsch), aber an ihnen verrückt zu werden ist doch wesentlich interessanter.

Anuk Miladinović pflegt Räume. Die Raumpflegerin in “access” ist weit mehr als ein, der Raumillusion geschuldetes menschliches Accessoire, sie ist der Beweis dafür, dass Kunst und Leben kommunizierende Gefäße sind. Man sagt ja gern, es sei schwierig, Kunst zu definieren. Hier wird es leicht: Kunst ist. Basta. “Here is the picture“, sagte Andy Warhol.

Aus einer Fassade ist ein Teil hinausgefallen, nun liegt es im Gras (complement #1). Wir wissen um die Unmöglichkeit dieses Vorgangs; die architektonisch verspielt ausgestaltete Fassadennische ist belehrend genug: Hier war von Anfang an eine Nische gemeint; der Architekt hat hierin jeden Zweifel ausgeschlossen, indem er sie in der Baukonstruktion regelrecht inszenierte. Anuk Miladinovićs Arbeit kann also keinesfalls auf eine Kritik an der auftrumpfenden Architektur jener Bildungsstätte verweisen, in der sie geboren wurde. Wiederum wäre es bestimmt nicht falsch, diese Arbeit so zu interpretieren; wiederum reichte eine solche Deutung nicht hin. Man mag es drehen und wenden wie man will – man kann keine hermeneutischen Fehler machen bei der Deutung dieser Arbeit; die Deutung als Wille und Vorgang selbst verfehlt jedes Ziel, weil sie als Instrument der Erkenntnis von vorneherein nicht geeignet ist.

Das ist schön und befreiend. Anuk Miladinovićs Kunst sollte eigentlich keine Debatten entfachen, keinen Diskurs auslösen. Die Künstlerin hat mich um einen Text gebeten, und ich schrieb ihn gern. Nötig hat sie ihn nicht; sie hat ihn mit ihren Werken bereits besser geschrieben: Hier ist das Werk. Here is the picture. Ecce ars.