Hans Op de Beeck, Ein Erlebnis der besonderen Art, 2012

Vor einigen Jahren, bevor ich im Wintersemester 2011/12 die Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste in München übernahm, hielt ich dort eine Vorlesung über meine Kunst. Bei dieser Gelegenheit traf ich Anuk Miladinović und hatte die Möglichkeit, mich ausführlich mit ihr über ihre Arbeit, ihre Kunst und ihr Leben zu unterhalten.

Als ich ihre Geschichte hörte, erkannte ich unvermittelt einige meiner eigenen Gedanken wieder. Während meiner Gastprofessur setzten wir diesen Dialog fort. Als multidisziplinäre Künstler haben wir einiges gemeinsam: Wir gestalten beide Installationen, Skulpturen, Fotografien und Videofilme. Dabei teilen wir auch ein gewisses theamtisches Interesse, beruhend auf einer ähnlich reflexiven, sanften Ironie über das Leben, so wie wir es vorfinden: als einen tragikomischen Schauplatz, großartig und zugleich irrwitzig, hässlich und schön, elegant und dabei unbehaglich.

Auch wenn wir uns völlig verschiedener Ausdrucksweisen bedienen und mit unseren Arbeiten unterschiedliche Ziele verfolgen, setzen wir beide an unserer Vorstellung des Alltäglichen und Gewöhnlichen an, um es dann zu etwas Außergewöhnlichem zu machen, es zu hinterfragen und zu interpretieren. Dabei sind wir beide auf der Suche nach Bildern, die verzaubern und gleichzeitig desillusionieren können. So entsteht einerseits eine unauflösliche Spannung zwischen Optimismus und Verspieltheit und andererseits die Erkenntnis über unsere Machtlosigkeit als Menschen und der daraus resultierenden Melancholie. Das Banale dient dabei als unaufdringliche Metapher einer bedeutenderen, gesellschaftlichen Erzählung.

Miladinovićs Arbeit ist mal ausdrucksstark und wagemutig, mal unwirklich und vergänglich, geht dabei aber fast immer einen aufreibenden Dialog mit dem Umfeld ein, in dem sie dargestellt wird. Eines ihrer Werke etwa zeigt ein imposantes, scheinbar gekipptes Negativvolumen einer Nische der Gebäudefront der Kunstakademie München, das darauf hinweist, dass das massige Stück einst ein aufrecht stehender Bestandteil der Fassade war (complement #1). Ebenso hat sie Bilder von Waffen und Projektilen auf der gekachelten Wand einer früheren Waffenfabrik in ein dekoratives Muster verwandelt (recurrence #1) und durch das Anbringen einer bedruckten Transparentfolie an einem Fenster unsere Fähigkeit der visuellen Wirklichkeitsbetrachtung herausgefordert (overlay #1).

Als Teil ihrer Installationskunst arbeitet Miladinović auch häufig mit vorhandenen Objekten, entweder um deren Gestalt oder Erscheinung zu verändern oder sie zu kombinieren, um einen neuen und überraschenden Sinngehalt zu erschaffen. Eine gewöhnliche, an der Zimmerdecke hängende Glühbirne wurde zu einem Kunstwerk erhoben, als Miladinović um diese herum einen gläsernen Schaukasten konstruierte und mit dessen Hilfe das Licht förmlich “einfing” (light light #1). Dem immateriellen Licht wurde unversehens der materielle Zustand eines Gegenstandes zuteil. Diese Art von abstrakter Darstellung der ursprünglichen Umgebung und Verzerrung der primären Funktion eines Gegenstandes spielt oft eine Schlüsselrolle in Miladinovićs Arbeit.

Generell sind die poetische optische Illusion und Konzepte der visuellen Deduplizierung, des optischen Verschwindenlassens und der fiktiven Ergänzung im Bezug auf einen vorhandenen Kontext wesentlich wiederkehrende Motive sowohl in Miladinovićs dreidimensionalen Arbeiten als auch in ihren Videofilmen.

Ab und zu bedient sich die Künstlerin auch hochgradig ironischer Gesten, zum Beispiel, als sie bei Ikea eine Reihe untereinander austauschbarer Blütennachdrucke auf Leinwand kaufte und diese an einem Ort ausstellte, an dem Kunst hauptsächlich als dekorative Kulisse angesehen wird.

Viele von Miladinovićs inszenierten Situationen suggerieren ein “Vorher” und ein “Nachher”. Beim Betrachter kann das Gefühl entstehen, das Kunstwerk in einer bestimmten Phase, einer Momentaufnahme zu erfassen. Man könnte behaupten, dass sich die Künstlerin im Hinblick auf Prämisse und Strategie größtenteils im Rahmen zeitgenössischer Installations- und Videokunst bewegt, ihre irritierende Fiktion jedoch eigenwillig und darüberhinaus auf eine sehr feinsinnige und elegante Art und Weise dargestellt ist. Darin liegt ihre wichtigste Leistung: die Raffinesse ihrer täuschenden Einfachheit. Sie macht uns in originellster Weise auf alltägliche Elemente, Gegenstände, Handlungen, skulpturale Darstellungen (oder auch nur deren Spuren) aufmerksam und spielt so mit unseren konditionierten Antworten und Sinnen, unserer Psychologie. Spielend vermischt sie auch visuell widersprüchliche Normen wie guten und schlechten Geschmack, ist in der Lage mit einer gewissen nostalgischen Patina und einer industriellen Sterilität zu arbeiten und veranlasst uns oft dazu, unser Gefühl für zeitliche und räumliche Orientierung zu verlieren.

“access”, Miladinovićs neues Video, zeigt eine ausdruckslose, graue, nüchterne Geschäftswelt, in der anonyme, etwas lächerlich wirkende Geschäftsmänner in tristen Anzügen und mit Brieftaschen, eine still vor sich hin wischende Reinigungskraft, eine U-Bahnstation und ein auffälliger Aufzug im Mittelpunkt stehen. Der Film ist eine Art verwirrendes Nicht-Ereignis, welches gerade deshalb fasziniert, weil es eben ein solches Nicht-Ereignis ist: Eine unlogische Aufeinanderfolge von unbedeutenden, banalen Handlungen, ausgeführt von anonymen, stillen, meist wartenden Figuren an sorgfältig inszenierten Schauplätzen, an denen das Unsinnige, die Wiederholung und – in geringerem Maße – das Surreale wiederkehrende Themen sind. Obwohl der Film – wie bis zu einem gewissen Grad alle Werke der Künstlerin – äußerst widersprüchlich und befremdend ist, weist er eine sofortige Vertrautheit auf, die es dem Betrachter leichtl macht, sich mit dem Gesehenen und Gehörten zu identifizieren. Ich würde die Arbeit daher als visuelle Fiktion und sicherlich nicht als Fantasy bezeichnen. Fiktion ermöglicht eine unmittelbare Akzeptanz und Glaubhaftigkeit, wie ein scheinbar realistischer Roman mit überzeugenden Charakteren und einem plausiblen Handlungsablauf.

Fantasy stellt sich dagegen eher wie eine Welt mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen dar, bevölkert von Fantasy-Geschöpfen, die kaum etwas mit unserem Alltagsleben zu tun haben. Diesen Pfad schägt die Künstern bewusst nicht ein. Sie vertraut den Mitteln ihrer befremdenden Fiktion.

Der beobachtende Charakter, die durchkomponierten Bilder, das besondere Augenmerk auf Farbe, Detail, Stille und Rhythmus und der manchmal leicht bedrohliche Unterton von Miladinovićs Fiktion ruft Erinnerungen an Filmkünstler wie Roy Andersson, Jacques Tati und David Lynch hervor. Die nicht-ereignishafte Dimension und die Manipulation von Banalitäten und Botschaften zwischen den Zeilen lassen an die düsteren, fesselnden Kurzgeschichten von Raymond Carver denken. Das ironische Zusammenspiel mit einem bestimmten Schauplatz des öffentlichen Raums weist Ähnlichkeiten mit Installationskünstlern wie etwa dem Belgier Guillaume Bijl auf, während ich die beherrschende Sinnlosigkeit und unverkennbare mise en scené ihrer Arbeit mit der Welt von Samuel Beckett in Verbindung bringe.

In erster Linie möchte ich jedoch die poetischen, feinsinnigen, erfahrungsreichen und verunsichernden Qualitäten von Miladinovićs Werk unterstreichen und betonen, dass die wesentlichen Anhaltspunkte in ihrer Arbeit nicht die oben genannten großen Künstler sind, sondern das alltägliche Leben und die tragische Komik unseres Menschseins.