Lotte Lindner & Till Steinbrenner, Fragen an das Verhalten von Architektur, 2013

Was passiert, wenn die Schwerkraft plötzlich beschließt, aus einer anderen Richtung wirken zu wollen?
Könnte man, wenn der Aufzug nicht da, seine Türen aber trotzdem geöffnet wären, durch den geöffneten Schacht einen anderen Raum sehen und was würde dort passieren?
Ist die Nische eine Abformung ihres Inhaltes oder formte sie ihn?


Anuk Miladinović misstraut dem Raum.
So sehr, dass sie ihn mit der Kamera beobachtet, seine Bewegungen aufnimmt und zu seltsam menschenleeren Bildern montiert. Menschenleer nicht im wörtlichen Sinne – es ist durchaus Personal anwesend. Doch scheint dieses eigentümlich fremd, durch die Architektur bestimmt, in nicht nachvollziehbaren Aufgaben gefangen.
Sieben Männer werden, indem sie in spezielle Vertiefungen im Boden einer Krypta steigen, durch die Architektur auf identische Augenhöhe gebracht. Ihre Individualität wird an die Symmetrie der Architektur angeglichen. Eben waren sie noch sieben Männer in Anzügen auf dem Weg zur Arbeit, nun sind sie eingesunken in einen größeren Plan.
Zwei Frauen stehen vor dem Schlund einer sich im Bildmittelpunkt verlierenden Brücke, halten Ausschau, warten.
Durchs Bild schießende Schnellzüge verbinden, halb Individuum, halb Ding, die Szenarien und Beobachtungsräume der Künstlerin miteinander.

Bei Jaques Tati ist das noch komisch, behaupten sich die Menschen durch groteske Eigenwilligkeit, ungelenke Gebärden, schlagen am Ende die Tür hinter sich zu und sind entkommen. Bei Anuk Miladinović sind nicht nur Tatis futuristische Kulissen längst Wirklichkeit geworden, auch das durch sie bedingte Verhalten der humanoiden Protagonisten hat sich verändert und macht einem Gefühl des Ausgeliefertseins Platz. Wo man mit den Schrullen der tatischen Charaktere noch schmunzelnd mitfühlt, wird in Miladinovićs Kosmos der Mensch zu einer Folge seiner Umgebung.
Genau darin liegt Miladinovićs Stärke. Die sorgfältig komponierten Bilder lassen eine Art architektonischen Organismus entstehen. Die Menschen darin mögen der Puls sein – der dazugehörige Körper aber ruht.
Wie lange noch?