Stefanie Böttcher, Die Wirklichkeit ist ein Schatten der Kunst (Auszug), 2014

Mit den Phänomenen „Raum“ und Zeit setzt sich auch Anuk Miladinović in ihrem Werk„Ordinance“ auseinander, allerdings auf einer abstrakteren Ebene. Das Video beginnt und endet in einer Krypta – dem Ort des Geheimnisses, an dem man sich auf Augenhöhe begegnet – wo ein- und ausgangs eine junge Frau den Teppich saugt. Dazwischen folgen Aufnahmen von Orten des Transits, eine Rolltreppe, ein doppelstöckiger Fußgänger- und Bahnübergang.

Die Menschen, die auftauchen, scheinen still und andächtig undurchsichtigen Choreografien zu folgen. Es liegt etwas Verheißungsvolles in der Luft: das Auftauchen einer weiteren Person, das Eintreten eines Ereignisses, das Signal für den Einsatz. Wie einzelne Standbilder lösen die atmosphärisch dichten Sequenzen einander ab; anstatt harter Schnitte wurden Überblendungen verwendet, die immer wieder motivische Überlagerungen erzeugen. Handlung und Ton sind auf das Äußerste reduziert. Lediglich Geräusche des Umfelds folgen dem ruhigen Rhythmus der Bilder, die in ihrer Kulissenhaftigkeit und aufgrund der Beleuchtungssituationen an Bühnenräume erinnern. Von Zeit zu Zeit durchschneidet ein rasender Zug den Bildfluss und die Stille. Im nächsten Moment vervielfacht er sich und schießt durch einen virtuellen Raum auf den Betrachter zu. „Ordinance“ ist eine Parabel auf Raum und Zeit. Beide Phänomene werden nicht einfach in ihrer Rätselhaftigkeit belassen, sondern in ihr bestärkt. Durch die Enthebung aus einer konkreten Örtlichkeit und Zeitlichkeit – denn der Verzicht auf eine kohärente Narration macht die Wahrnehmung einer zeitlichen Abfolge unmöglich – wird beides umso spürbarer. Die einzelnen Sequenzen gehen in der Simultanität auf.